Buchtipp: Der Katze ist es ganz egal

Von einem Tag auf den anderen will Leo nicht mehr Leo sein, sondern Jennifer. Das bringt so einige Personen durcheinander. Dabei könnten sie sich ein Beispiel an der Katze nehmen: Der ist es nämlich ganz egal. Das prämierte Kinderbuch von Autorin Franz Orghandl behandelt einfühlsam und unaufgeregt das Thema Transidentität bei Kindern.

Transgender-Thematik aus Kinderperspektive

Als Leo eines Tages erwacht, ist er überzeugt davon, dass sein Name nicht mehr zu ihm passt. Er will fortan Jennifer genannt werden, denn er fühlt sich nicht als Bub. Auch der Inhalt seines Kleiderschranks passt nicht mehr zu ihm und macht ihn wütend. Kurzerhand informiert er Eltern, Schulfreunde und Lehrerin über diese Erkenntnis. Doch nicht alle tun sich leicht mit der neuen Identität. 

Das Umfeld reagiert unterschiedlich

Während der Freundeskreis mit Neugier und Offenheit an die Sache herangeht und Jennifer beim Ausprobieren der neuen Rolle unterstützt, tun sich die Erwachsenen schwer, mit Jennifer umzugehen. So bleibt Leo vorerst zuhause einfach Leo und ist nur in der Schule Jennifer – ein Spagat, der nicht lange gelingt. Schließlich müssen sich auch Mama, Papa, Oma und Opa mit den geänderten Bedingungen auseinandersetzen. Völlig gleichgültig scheint das alles nur der Katze zu sein.  

Einfühlsam doch unaufgeregt

Kurzweilig und mit viel Einfühlungsvermögen wird der Prozess der Auseinandersetzung mit Familie, Schule und Freundeskreis erzählt. Das Besondere an der Geschichte ist dabei ihr unaufgeregter Ton und die humorvolle Grundierung. Leos alias Jennifers Gefühle werden zwar ernst genommen, gleichzeitig wird der Sache aber geschickt die Dramatik genommen. So diskutieren Eltern und Großeltern beispielsweise in einem Atemzug darüber, ob ein Bub nun ein Mädchen sein kann und ob Leo schon alt genug ist, um alleine Bus zu fahren. 

Happy-End mit liebenswerten Charakteren

Anstatt die Moralkeule zu schwingen, wird Leser*innen dieser Geschichte außerdem durch eine besonders liebevolle Darstellung der Figuren Verständnis für alle Seiten entlockt – nicht zuletzt auch für Jennifers Papa, dem der neue Name am schwersten über die Lippen kommt. Beim Happy-End ist er zwar noch etwas bleich, doch er hat die wichtigste Lektion gelernt: Das eigene Kind bleibt das eigene Kind, egal ob es nun Leo oder Jennifer heißt.

Zum Selbstlesen, gemeinsam Lesen und als Gesprächsanlass

Das Kinderbuch mit lustigen Illustrationen ist zum Selbstlesen ab dem Ende der Volksschule geeignet. Fast noch besser lässt es sich aber gemeinsam lesen und nutzen, um mit Kindern in der Schule oder Familie über Transidentitäten ins Gespräch zu kommen – egal, ob es dafür einen konkreten Anlass gibt oder nicht. Nettes Beiwerk sind die Erläuterungen des im Buch verwendeten Wiener Wortschatzes. Sie ziehen sich durch den Text und erleichtern Kindern, die nicht mit dem Wienerischen Idiom aufgewachsen sind, das Verstehen.  

 

Franz Orghandl: Der Katze ist es nicht egal. Klett Kinderbuch, 2020.